Proletarisierung im Überschuss

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Ein Kommentar über das heutige Verhältnis von Surplus-Proletariat und Ohnmacht; veröffentlicht in diskus, Frankfurt am Main, Frühjahr 2019.

Die Überproduktionskrisen der Gegenwart fluten den Alltag mit Überstunden, E-Mails, Müll. Trotzdem scheint die Teilhabe an Kapital und Arbeit alles zu sein, wovon das Proletariat derzeit zu träumen wagt. Die Zunahme der relativen Überschussbevölkerung lässt sich dabei nicht mehr nur als Randphänomen einer sub-proletarischen Ansammlung von Abgehängten und Überflüssigen beschreiben. Die fragmentierten Lebensrealitäten leicht ersetzbarer, überschüssig-werdender Arbeitskräfte sind längst paradigmatisch geworden für das Klassenverhältnis der Gegenwart und dessen Krisenentwicklung.

Absolute und relative Überschussbevölkerung

Überbevölkerungsthesen, wie sie heute noch von Erdkundelehrerinnen bis hin zu offen Rechtsradikalen propagiert werden, wurden schon von Marx beispielhaft zerlegt. Im Kapital wird „Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“[i] als Produktionsverhältnis definiert, das notwendig eine „Surplusarbeiterpopulation“ entstehen lässt. Dabei kritisiert Marx die von dem Pfarrer und Bevölkerungswissenschaftler Malthus vertretene These einer absoluten Überbevölkerung, die quasi-natürlich in allen Gesellschaften und unabhängig vom jeweiligen Produktionsverhältnis entstünde. Überflüssige Menschen sind nach Malthus ein Phänomen, dem nur mit strenger Geburtenkontrolle beizukommen ist: Wer nicht gebraucht wird, wäre besser nicht geboren worden. Die Entgegnung Marx‘ ist nicht nur ethisch, sondern auch analytisch: Zum einen ist die Nachfrage nach Arbeitskraft im Kapitalismus konjunkturbedingt, steigt und fällt je nach Krise bzw. Aufschwung; zum anderen charakterisiert Marx die bürgerliche Gesellschaft als ein Verelendungsverhältnis, das immer mehr Menschen in die Lohnabhängigkeit zwingt und zugleich, relativ zur steigenden Produktivität, immer weniger dieser proletarisierten Subjekte einkommensgesichert in die Produktion integriert. Eine solche Entwicklung kann auch durch Geburtenkontrolle nicht harmonisiert werden. Marx analysierte die Überschüssigen seiner Zeit als „industrielle Reservearmee“, die je nach Bedarf des Kapitals in den Produktionsprozess eingesaugt und bei fallender Nachfrage wieder ausgespuckt werden. „In dem Begriff des freien Arbeiters liegt schon, daß er Pauper ist: virtueller Pauper“ formulierte Marx in den Grundrissen.[ii] Die real pauperisierte „hin- und hergeworfene Masse“[iii] sah er jedoch in keinem hoffnungsvollen Licht. Politisch brachten Marx und Engels dem „Lumpenproletariat“ kein Vertrauen entgegen: „seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen“.[iv] Dass das Proletariat Anfang des 19. Jahrhunderts mal als ein sehr heterogenes Gemenge aus unterschiedlichsten Biografien entstanden ist, wurde in den 1840er Jahren, unter anderem durch Marx selbst, zugunsten der politischen Hegemonie des doppelt freien, männlichen Alleinversorgers aus dem Selbstverständnis der Arbeiterinnenbewegung getilgt.[v] So nahm der Industriearbeiter, in Konkurrenz zu seinen weiblichen Kolleginnen, eine zentrale Stellung innerhalb eines immer dynamischer werdenden Produktionsverhältnisses ein, bis hin zu seiner Idealisierung als revolutionäres Subjekt. In sozialdemokratischer Einhegung erkämpfte sich dieses Subjekt jedoch nicht mehr als den bekannten Klassenfrieden aus patriarchaler Kleinfamilie, Gartenzaun und Wohlfahrtsstaat. Wo dieser Klassenfrieden heute bröckelt, sind es nicht notwendigerweise Abgehängte und Pauperisierte, die sich als Erste zu „reaktionären Umtrieben“ hinreißen lassen.

Überflüssig ist ein Anderer

Die Analyse, dass heute informelle Arbeitsverhältnisse, außerhalb der Inseln des privilegierten Stamm-Proletariats, zum bestimmenden Bild werden, ist in Soziologie und Feuilleton weit verbreitet. Die Phänomene der relativen Surplus-Bevölkerung erscheinen dort zergliedert in empirisch fassbare, soziale Gruppen, die durch Migration, Praktikum oder als Freelancerinnen die prekäre Abweichung zum Normalarbeitsverhältnis bebildern.[vi] Die krisengetriebene, von Finanzblase zu Finanzblase wankende, globale Ökonomie der Gegenwart wird allerdings von allen Arbeitenden geteilt, wenn auch in je spezifischer Weise, aber eben doch nie voneinander getrennt. Marx analysierte flüssige, latente und stagnierende Bereiche der relativen Überschussbevölkerung und verwies damit auf ein breites Spektrum fragmentierter Lebensrealitäten, die mehr oder weniger dynamisch zwischen den Polen von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit oszillieren. Diese Phänomene der relativen Surplus-Bevölkerung haben sich mittlerweile soweit ausgedehnt, dass sie sich heute weder soziologisch noch geographisch auf bestimmte Gesellschaftsschichten, Banlieues oder Slums begrenzen lassen.

An das Proletariat des 19. Jahrhunderts wurden Erwartungen einer progressiven sozialen Integration in die industrialisierte Produktion geknüpft, während dem Sub- und Lumpenproletariat herabwürdigend das Gegenteil zugesprochen wurde. Rosa Luxemburg verwies 1918 in einer Notiz zu ihrer Kritik der Leninschen Revolutionstheorie treffend auf den politischen Trugschluss dieser Trennung: „Das lumpenproletarische Element haftet tief der bürgerlichen Gesellschaft an, nicht nur als besondere Schicht, als sozialer Abfall, der namentlich in Zeiten riesig anwächst, wo die Mauern der Gesellschaftsordnung zusammenstürzen, sondern als integrierendes Element der gesamten Gesellschaft.“[vii] Die Kategorie des Surplus-Proletariats verweist heute auf die Tendenz einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung sozialer Integration, hin zu den Lebensrealitäten der relativen Überschussbevölkerung – diese vollzieht sich, auch ohne den von Luxemburg angedeuteten Zusammenbruch, ganz alltäglich, im ökonomischen Normalvollzug kapitalistischer Akkumulation. Das heutige Niveau der Entwertung von Arbeitskraft kann nicht mehr nur in Bezug auf eingrenzbare Bevölkerungsgruppen verhandelt werden – weder im Sinne einer ausgelagerten Reservearmee noch als empirisch eingrenzbare Milieus von Abgehängten, Überflüssigen oder prekär Beschäftigten – zumindest nicht ohne das Risiko einzugehen, einem Interklassismus Vorschub zu leisten, der die Angst vor dem eigenen Überschüssig-Werden mit der ökonomischen Überflüssigkeit anderer erklärt.

Identitätskrisen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007/2008, führte zu einem regelrechten Revival des Begriffs der Klasse. Das deutet zunächst einmal darauf hin, dass die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit nicht mehr mit den üblichen links-liberalen Fortschrittsversprechen und ihrem „Abschied vom Proletariat“[viii] vereinbar sind. Oftmals ging es dabei jedoch nicht um Klasse als gesellschaftliches Verhältnis sondern, um nostalgische Identitätskonzepte. Von Donald Trumps White Working Class über Didier Eribons abgehängte Anhängerinnen der Kommunistischen Partei Frankreichs bis hin zu Sarah Wagenknechts Einsammlungsversuchen ehemaliger Linksparteiwähler – hoch im Kurs steht die Suche nach den kleinen Leuten, die angeblich nicht mehr von der Parteienlandschaft repräsentiert werden und sich deshalb nach rechts Außen verirrt hätten. Ob der um sich greifende Rechtsruck wirklich in diesen Schemata analysiert werden kann, ist mehr als fraglich. Zumindest am Beispiel der AfD zeigen fundiertere Analysen, dass ihr Wählerklientel gerade nicht auf Geringverdienenden aufbaut.[ix] Der überproportionale Anteil von AfD-Unterstützern ist ausländerfeindlich und Teil der selbsternannten Mittelschicht, die als Erbinnen des Nachkriegsaufschwungs wenig für ihren relativen Wohlstand getan haben und nun in geflüchteten Newcomern eine potentere, mobilere Konkurrenz erahnen. Zugleich erkennen sie in den Geflüchteten des Südens, die strukturell immer näher rückende Entwertung und Ersetzbarkeit, das Überschüssig-Werden, der eigenen Arbeitskraft. Statt diese Einsicht in eine konsequente gesellschaftliche Perspektive zu übersetzen, ziehen die heimatbewussten Prolls der Mitte es vor, ihre ohnehin bröckelnden Gartenzäune gegen die imaginierte Gefahr von außen zu verteidigen.

Aber auch in sich als linksradikal verstehenden Zusammenhängen wird fleißig an identitären Klassenkonzepten gebastelt, um klar abgrenzbare Klassenfeinde zu benennen. Opportun ist dabei was zumindest rhetorisch die eigene Position stärkt – 99% gegen 1%, rechtschaffende Arbeitnehmerinnen gegen die Finanzelite, usw. Dabei generiert das Kapital bekanntlich Interessenskonflikte, die nicht nur zwischen Arm und Reich verlaufen, sondern auch innerhalb der Klassen, zwischen Lohnabhängigen, Gewerkschaften, oder eben dort, wo die Erben des Nachkriegswohlstands meinen ihre Pfründe gegen Arbeitslose und Geflüchtete abschotten zu müssen. Wenn die Parole „Klasse gegen Klasse“ allzu oft holzschnittartig dichotome Gegenüberstellungen von Oben und Unten beschwor, geht sie heute auf im allgemeinen Hauen und Stechen der sich klassenlos fühlenden Klassengesellschaft. Auch der Kapitalist, der nach altem Bild frei über Firmen in seinem Besitz verfügen kann, ist mittlerweile tief verwoben in komplexe Landschaften aus Vorständen und Management-Etagen, verwaltet dort als Angestellter große Firmen oder eine ihrer zahlreichen Sub- und Franchiseunternehmen, und wird gerade in Krisenzeiten regelmäßig selbst ausgetauscht. Das Kapitalverhältnis ist und bleibt ein wild wucherndes Verwertungsprinzip, das sich jeder Kontrolle, auch der vermeintlich herrschenden Klasse, entzieht.

Ohnmacht und Klassenfrieden des Surplus-Proletariats

Die Verhandlungsmacht der alten Arbeiterbewegung wurde über demokratische bis korporatistische Formen der Betriebsteilhabe moderiert. Heute weichen diese Handlungsoptionen zunehmend der Ohnmacht, sich der Produktion immer weniger über die traditionellen Partizipationsformen der Sozialdemokratie ermächtigen zu können. Ebenso ohnmächtig stehen dieser Aufgabe identitär gewendete Klassenbegriffe, „prekäre“ Soziologismen und andere Nostalgieträger vergangener und schwindender Wohlfahrtssysteme gegenüber. Proletariat und Bourgeoisie stehen in einem Verhältnis zueinander, dessen Abschaffung nicht die Abschaffung eines Gegenübers meint, sondern vielmehr die gesellschaftliche Selbstüberwindung der eigenen internen Funktionen. Auch wenn das Ende der Klassengesellschaft nicht ohne Vergesellschaftung der Produktion auskommen wird, kann das Ziel nicht in der Errichtung eines neuen Regimes der Produktion liegen, sondern in einer neuen gesellschaftlichen Lebensweise, die es allen erlaubt und abverlangt, die eigenen Funktionen und Daseinsbedingungen, die eigene Angst vor Veränderung, hinter sich zu lassen. Bei aller Frustration geht es also weiterhin darum, die Perspektiven einer Klassenpolitik zu diskutieren, die in der Selbstabschaffung des Proletariats den Ausgangspunkt einer klassenlosen Weltcommune erkennen lassen. Dabei verweist das Proletariat der Gegenwart, jenseits identitärer Fraktionierungen, auf die gemeinsam geteilte Realität überschüssig-werdender Arbeitskraft. Das Surplus-Proletariat ist kein revolutionäres Subjekt, es verdeutlicht vielmehr die Hintergründe der politischen Verelendung und Fragmentierung gegenwärtiger Arbeits- und Lebensverhältnisse. Das Surplus-Proletariat ist überschüssig, relativ zur Produktion, bis es diese besetzt, einstellt, aufhebt und umwandelt in eine neue realistischere Lebensperspektive.

Surplus Club, Frankfurt am Main, Januar 2019

 

[i] Karl Marx, Das Kapital, MEW 23

[ii] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42

[iii] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Kap. V, MEW 8

[iv] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4

[v] Patrick Eiden-Offe, Der Prolet ist ein Anderer. Klasse und imaginäres Heute, Merkur, 2018; ausführlicher in: Patrick Eiden-Offe, Die Poesie der Klasse – Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, Matthes & Seitz Berlin, 2017

[vi] Mit der Empirie des Surplus-Proletariats haben wir uns bereits ausführlich in „Trapped at a Party Where No One Likes You“ (2015) auseinandergesetzt:
https://surplus-club.com/2015/11/19/trapped-at-a-party-where-no-one-likes-you/

[vii] Rosa Luxemburg, aus einer Randnotiz im Anhang von: Zur Russischen Revolution, 1918 –– siehe: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/index.htm.

[viii] André Gorz: Abschied vom Proletariat. Jenseits des Sozialismus. Überarbeitete Neuaflage. Frankfurt a.M. 1988

[ix] Martin Schröder, AfD-Unterstützer sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich, The German Socio-Economic Panel Study, DIW Berlin, 975-2018

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